King Kong und das
Stendaler  Kraftwerk

Stendaler Wohnungsbaugesellschaft mbH

Was haben das Kernkraftwerk und King Kong miteinander zu tun, außer dass es sich nach dem Titel eines actionlastigen Filmes anhört. Im Jahr 1970 wurde durch den Ministerrat der ehemaligen DDR beschloss nördlich von Magdeburg das größte Atomkraftwerk des Landes zu errichten. Da die Elbe die Kühlwasserversorgung sicherstellen sollte wurde der 120 Einwohner zählende Ort Niedergörne als Standort ausgewählt. Es war geplant die nahe gelegene Stadt Stendal zum Wohnstandort für das Personal auszubauen. Für dieses Projekt sollten insgesamt 20.000 Menschen herangezogen werden. Die Bevölkerungszahl der Stadt Stendal stieg daraufhin sprunghaft von 37.600 Einwohnern im Jahr 1972 auf über 51.500 Einwohner im Jahr 1989. Für die im und am Kernkraftwerk Beschäftigten wurden die Großwohnsiedlungen Stendal Stadtsee und Stendal Süd errichtet.

Im Jahr 1992 wurden die Arbeiten am Kraftwerk eingestellt. Viele Arbeiter, die ausschließlich wegen des Kernkraftwerkes in die Region gekommen waren und zu dieser keine Bindung hatten, verließen Stendal. Dies führte dazu, dass der Bevölkerungsrückgang hier schneller und umfassender erfolgte als in den anderen Regionen Ostdeutschlands. Bis zum Jahr 2000 verlor die Stadt Stendal mit 11.000 Einwohnern ca. 20% seiner Bevölkerung. Das Land Sachsen-Anhalt verlor im selben Zeitraum lediglich 8% seiner Einwohner. Die Folge war eine rapide Zunahme des Leerstandes, vor Allem in den Plattenbaugroßwohnsiedlungen der Stadt. Am Stärksten betroffen war davon die Stendaler Wohnungsbaugesellschaft mbH (SWG), der größten Vermieter der Altmark mit ca. 10.000 Mietern. Bei der SWG stieg der Leerstand bis zum Jahr 2000 auf insgesamt 30%. Im Stadtteil Stendal Süd stand sogar fast jede Zweite Wohnung leer. Das Unternehmen geriet dadurch in eine  wirtschaftliche Schieflage. Es drohte die Insolvenz.

Das erste Konzept zur Rettung des Unternehmens sah hauptsächlich Rückbau und Kosteneinsparung vor. In Stendal wurden deshalb in den darauffolgenden Jahren 6.000 Wohnungen abgerissen. Der Stadtrat beschloss für den kompletten Stadtteil Stendal Süd den Rückbau einzuleiten. Dies geschah in dieser rigorosen Form zum ersten Mal im Land. Durch die Rückbaumaßnahmen konnte der Leerstand in der SWG temporär reduziert werden. Die Kosteneinsparung führte aber dazu, dass u.a. notwendige Instandhaltungen oft nicht durchgeführt wurden. Die Kombination aus großflächigem Rückbau und einem schlechter werdenden Zustand der verbleibenden Gebäude führte für viele Mieter zu Verunsicherung. Daraus resultierten weiteren Auszüge und ein erneut steigender Leerstand. Weitere Rückbaumaßnahmen waren notwendig und es stellte sich nur noch die Frage, wann denn der letzte Block der SWG abgerissen sein würde.

In dieser Phase wurde Daniel Jircik der neue Geschäftsführer der SWG. Das von ihm erarbeitete Konzept sah vor, die Vermietungssituation zu stabilisieren. Dies sollte vor Allem durch die Verbesserung der Wohnqualität und des Serviceangebotes geschehen. Nachdem die finanzwirtschaftlichen und operativen Voraussetzungen dafür geschaffen waren, wurden die Investitionen in die Wohnungsbestände deutlich erhöht. Statt den bisherigen 500.000 Euro wurden nun jährlich 6.000.000 Euro in die Wohnquartiere investiert. Dabei wurden zwei Schwerpunkte festgelegt. Zum einen die Anpassung der Wohnungsbestände an den demographischen Wandel und zum anderen die Verbesserung des Images der Wohnquartiere. Zur Vorbereitung der Bestände auf den demographischen Wandel wurden Kooperationen mit Betreuungsdiensten geschlossen, Aufzüge nachgerüstet, Grundrisse geändert, Notrufsysteme, Rollatorboxen und Rampen installiert und sieben Begegnungsstätten eingerichtet. Der Imagewandel wurde vollzogen indem die Anforderungen an Wohnqualität, Ordnung und Sicherheit erhöht und Wohnquartiere als eigene Marken etabliert wurden. Es wurden bedeutende Investitionen in Wohnungen, Fassaden, Balkone und das Wohnumfeld getätigt. Eigene Hausmeister wurden eingestellt, Videoüberwachungen installiert und ein neues Müllsystem aufgebaut. In diesem Zusammenhang entstanden als Markenzeichen der SWG gigantischen Graffiti. Bilder wie der King Kong, das Chamäleon oder die New Yorker Hochhausfassade sind inzwischen weit über die Stadtgrenzen bekannt und werden von vielen Wohnungsunternehmen nachgeahmt.

Durch diese Maßnahmen ist es der SWG gelungen ihren Leerstand in den letzten Jahren deutlich zu reduzieren. Dieser sank ab 2013 sogar ohne weitere Rückbaumaßnahmen. Statt für Abriss steht die SWG heute für Neubaumaßnahmen wie Seniorenresidenzen und Studentenwohnheime. Der bisher bedeutendste Erfolg der SWG-Strategie ist die Umwandlung des heutigen Tiergartenviertels. Das Quartier aus ehemals fünf unsanierten Plattenbauten mit hohem Leerstand und schlechtem Image wurde unter seinem neuen Namen vollständig verwandelt. Heute ist dieses Quartier eine vor Allem von Senioren sehr stark nachgefragte Adresse mit parkähnlichen Grünanlagen, Conciergeservice, Betreuungsstätten und einem grandiosen Blick über den Stadtsee. Die SWG wurde 2018 mit dem 1. Kulturpreis der Hansestadt Stendal für die Belebung des Stadtseegebietes und ihre Graffiti geehrt und gilt inzwischen als beispielhaft für ihren Umgang mit dem demographischen Wandel.

Stendaler Wohnungs- baugesellschaft mbH

Kontakt
Weberstraße 36, 39576 Stendal
Telefon: 03931 634500


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